Was vom Gehalt übrig bleibt und ob sich Leistung noch lohnt. Die oft erwähnte „soziale Gerechtigkeit“ ist sozial gar nicht gerecht.

Kein Tag vergeht in Österreich, ohne die mittlerweile sehr strapazierten Worte „sozial gerecht“ aus irgendwelchen Mündern und Medien zu vernehmen. Besonders im Zusammenhang mit dem soeben geschnürten Sparpaket - auch als Konsolidierungspaket beworben - scheinen die österreichischen Politiker nicht müde zu werden ihren Wählern diese Zauberworte - „sozial gerecht“ - einzutrichtern. Dabei empfinden viele Arbeitnehmer und Steuerzahler beim Anblick ihres Lohnzettels diese zwei Eigenschaften - sozial und gerecht - kaum bis gar nicht, viel eher vertreten sie die Position, sie hätten zu viel geblecht. Anhand eines Beispiels soll veranschaulicht werden, wie viel vom Bruttogehalt eines Dienstnehmers letztendlich netto zu seiner Verfügung bleibt. Zusätzlich soll ein Streifzug über die „Bedarfsorientierte Mindestsicherung“ Einblick geben, ob Leistung in Österreich belohnt wird. Der Begriff brutto entstammt dem Italienischen und bedeutet „gesamt“ - z.B. Gesamtgehalt, vor Abzug von Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen. Ursprünglich leitet sich das Wort vom lateinischen Begriff brutus für „roh“, „schwerfällig“, „stumpf “, „unrein“ ab. Netto bedeutet „rein“. Österreichs Arbeitnehmern wird monatlich, bzw. jährlich ein Lohn/Gehaltszettel zugestanden, auf dem vermeintlich Brutto und Nettogehalt  gegenüber stehen. Leider entspricht ein derartiger Lohnzettel nicht ganz den Tatsachen, denn ein erklecklicher Teil von gut 30 Prozent - der sogenannte Dienstgeberanteil - erfährt dort keine Erwähnung. Nichts desto trotz hat der Arbeitnehmer diesen Part ebenfalls zu erarbeiten, denn egal wie die Benennung dieses Betrages lautet, für den Dienstgeber zählt lediglich die Gesamtausgabe die er pro Dienstnehmer zu entrichten hat. Verglichen an der Einkommenssituation eines 40 Stunden pro Woche arbeitenden Mannes, dessen Frau sich um die drei minderjährigen Kinder kümmert und einer ebenso großen Familie, welche die „Bedarfsorientierte Mindestsicherung“ erhält, gelangt man am Schluss zu der Fragestellung, ob sich in Österreich Leistung überhaupt noch lohnt. Hr. Anton Blecher erhält von seinem Arbeitgeber Josef Zahler (Namen erfunden) monatlich € 1.600 brutto als Angestelltengehalt, der Auszahlungsbetrag beläuft sich allerdings nur auf € 1.197,77 (siehe folgende Tabelle).

Tabelle1

 

 

 

 

 

 

 

Hr. Josef Zahler behält den Betrag von € 402,23 ein, die er an Gebietskrankenkasse, Finanzamt und Gewerkschaft weiterleitet. Aber das ist noch lange nicht alles, denn Hr. Zahler muss weitere € 499,52, oder 31,22% an Abgaben leisten, die selbstverständlich dem Bruttolohn von Hr. Blecher zuzurechnen sind, die dieser erarbeiten muss. Hr. Zahler muss für seinen Dienstnehmer Hrn. Blecher € 2099,52 an Kosten auslegen, damit dieser am Monatsende € 1.197,77 Lohn erhalten kann. € 901,75 seiner Arbeitsleistung werden Hrn. Blecher abgezogen, 31,22% sieht er nicht einmal auf seinem Lohnzettel vermerkt. Diese sogenannten Lohnnebenkosten den Dienstnehmern schriftlich vorzuenthalten könnte man als Verschleierung des wahren Bruttogehalts beurteilen (siehe folgende Tabelle). An bedarfsorientierter Mindestsicherung alimentiert der österreichische Staat Erwachsene mit € 752, 94, Kinder mit € 173,18 und Ehepaare mit € 1129,42. Hr. Blecher, der als Systemerhalter 40 Wochenstunden Arbeit leistet, lukriert im Gegensatz zu einer fünfköpfigen Familie (der man den fiktiven Namen „Nehmer“ zuteilt), die Grundsicherung erhält (€ 1129,42, 3x € 173,18 = € 519, 54, gesamt € 1648,96), um € 451,19 netto weniger pro Monat, in Jahressumme minus € 5414,28. Einen Teil der Minussumme egalisiert Hr. Blecher indem er 14 Monatsgehälter pro Jahr erhält. Dennoch erwächst dem Leistungsträger Blecher gegenüber der „Grundsicherungsfamilie Nehmer“ ein Negativsaldo von rund € 3000 pro Jahr.

Tabelle2

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sozial gar nicht gerecht

Eine abschließende Zusammenfassung ergibt, dass der Faktor Arbeit und der Faktor Leistung de facto für den Dienstnehmer, bzw. für alle Erwerbstätigen, nicht als sozial gerecht zu bewerten sind. Die Artikulierung der Politik, die die Eigenschaften sozial und gerecht betreffen, erklingen für den leistungsorientierten Menschen ohnehin bereits als politische Parolen. Unter dem Deckmäntelchen „sozial gerecht“ rechtfertigt die Politik Leistungsträger über den Umweg der Steuern und Inflation auszurauben, um an leider oftmals Arbeitsunwillige umzuverteilen. Niemand - einschließlich der Leistungsträger - ist gegen echte und ehrliche Solidarität. Jeden von uns kann ein Schicksalsschlag treffen. Durch Krankheit, Unfall oder andere Umstände. Hier muss die Gesellschaft einspringen. Es kann nur nicht für alle gelten. Ein Leistungs- und - vor allem - Motivationsprinzip muss erhalten bleiben.

 

Brigitte Imb

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