Pink was banned by lawEmil Nolde durfte kein Staatskünstler sein. Der Präsident der Reichskunstkammer teilte dem Parteimitglied Nolde mit, seine Werke genügten nicht den Anforderungen und entsprächen nicht der Verantwortung, die man gegenüber Volk und Reich wahrzunehmen hätte.

Man sei daher mit der Ausmerzung des Noldeschen Oevres beauftragt worden und habe 1052 Noldes beschlagnahmt, einige bei den „Entartete Kunst“- Ausstellungen an den Pranger gestellt, und man sei der Ansicht, der Maler Nolde sei „unzuverlässig“. Untersagt sei ihm nicht nur die berufliche Ausübung der Malerei, sondern auch die nebenberufliche! Dies mutet um so tragischer an, als Nolde seinen Hang zur Häßlichkeit und zur Ungeschlachtheit nicht nur für typisch deutsch hielt, sondern mit dieser Annahme auch recht hatte.  Jeder, der im Wiener Kunsthistorischen Museum den Saal mit den Cranachs und Altdorfers überlebt hat, atmet auf, sobald er zu den Italienern kommt.

Im NS-Regime gab es also entartete Künstler und Staatskünstler. Heute hingegen, in der Demokratie, gibt es sie nicht, sagen die Obrigkeiten, während die heutigen Staatskünstler sagen, sie seien es nur geworden, weil sie so gut seien. Manche von ihnen waren sogar Staatsfeinde und mußten fliehen, um sich Gefängnisstrafen wegen Störung der öffentlichen Ordnung durch  Performances, bei denen tabuisierte Körperteile und physiologische Vorgänge eine Rolle spielten, zu entziehen. Später gefiel es der Obrigkeit, sich die Arbeiten jener ehemaligen Staatsfeinde hinter Minister- und Beamtenschreibtische zu hängen – man hatte sie inhaliert, neutralisiert und instrumentalisiert und sich mit der avantgardistischen Aura dekoriert, die mit diesen Bildern verbunden war, so wie wenn ein Jäger sich die Stube mit Trophäen schmückt. Provokante Sujets - geschüttetes Tierblut, verkohlte Matratzen, Frauen mit Struwwelpeter-Coiffure und entblößten Genitalien - übertrugen ihre Magie auf die mehr oder minder bürgerlichen Kunstbeauftragten: diese Kunst stand für Rebellion, Abenteuer, Furchtlosigkeit und die ästhetische Exaltiertheit, die jene befällt, die zu lang gezwungen waren, in Habitaten biederer Hausbackenheit auszuharren. Wer seine Jugend in Floridsdorf oder Mistelbach verbracht hat und an die Kalender der örtlichen Fleischselcher, Adeg-Greißler und Lagerhäuser gewöhnt war, möchte endlich ein paar Traditionen dekonstruieren, möchte Molekularküche, einen Kronleuchter aus Plexiglas, einen A8 und ein Bild mit einer Blasphemie.

Provokante Kunst als Staatskunst spielt eine Doppelrolle. Indem die Obrigkeit vorgibt, sich dieser ursprünglich abgelehnten, verfemten, polizeilich verfolgten Kunst anzunehmen, demonstriert sie Solidarität mit Abgelehnten, Verfemten und polizeilich Verfolgten sowie mit jenen Opferlämmern, die es auf sich genommen haben, das ach, Verdrängte und das ojemine, Sperrige zu formulieren und o jessas na! ins Bewußtsein zu heben. Andererseits haben diese Kunstwerke dieselbe Funktion, die ein Porträt des Kaisers hinter so einem Ministerschreibtisch vor hundert Jahren hatte: Nicht der materielle oder der künstlerische Wert sind von Bedeutung, sondern das Kunstwerk als Emblem der Macht. Was hinter dem Minister hängt, illustriert seinen Status und die Kraft seines Amtes, aber auch seinen Geschmack, seinen Habitus, sein Urteilsvermögen. An ihrem Wandschmuck sollt ihr sie erkennen.

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