Uni WienWas ist Grundlagenforschung? Grundlagenforschung wird vielfach geringschätzig als Spielwiese weniger privilegierter Wissenschafter abgetan, da ihr kurzfristiger Nutzen für Wirtschaft und Gesellschaft nicht direkt ersichtlich ist.

Dies liegt daran, daß Grundlagenforschung in wissenschaftliches Neuland vordringt und primär auf Wissenserwerb in diesem Neuland ausgerichtet ist. Damit schafft sie die Basis unseres stetig wachsenden Wissens und Könnens und muß seriöserweise jeder zielgerichteten Anwendung vorausgehen.

 

Anders als in der auf Bekanntem aufbauenden angewandten Forschung, können Forschungsleistungen der Grundlagenforschung kaum an der Erreichung von Zielvorgaben gemessen werden, jedoch können Qualität und vor allem Exzellenz durch Experten und  aussagekräftige Indikatoren beurteilt werden. Wirklich exzellente Forschung ist heute überall anwendungsoffen, auch, wenn sie anwendungsfern erscheint. Nahezu alle langfristigen Prognosen über mangelnde Nutzbarkeit exzellenter Forschungsergebnisse haben sich als falsch erwiesen. Ohne die vor mehr als zweihundert Jahren als „Spielereien“ angesehenen und in Schaubuden vorgestellten Experimente mit Elektrizität säßen wir heute wohl noch bei Kerzenlicht. Selbst abstrakte Gebiete der Mathematik wie die Zahlentheorie haben wichtige Anwendungen gefunden.

Exzellente Grundlagenforschung steht damit am Beginn des Weges, der über kreative neue Ideen und richtig erkannte Opportunitäten zu Innovationen und deren industriellen Verwertungen führt.

Grundlagenforschung findet in Österreich, wie in den meisten anderen Ländern, vorwiegend an Universitäten und einigen anderen außeruniversitären Forschungseinrichtungen statt. Die Universitäten sind damit nicht nur für die Ausbildung junger Wissenschafter auf der Basis des vorhandenen Wissens verantwortlich, sondern sollen diese auch zum Aufbruch in das Neue stimulieren und dabei begleiten.

Rekrutierung des wissenschaftlichen Nachwuchses

Hier verspricht die kompromisslose Kombination von drei Faktoren Erfolg:

  • möglichst frühe Erkennung von Talenten,
  • Förderung durch gezielte Herausforderungen und aktive Betreuung und
  • Ausbildung in Institutionen der Weltspitze.

Die uneingeschränkte Zulassung aller Interessenten unbeschadet ihrer Eignung für (fast) alle Fächer ist Realitätsverweigerung oder drastischer ausgedrückt Unfug [1]. Zum Forscher benötigt man ebenso Talent wie zum Musiker oder Schifahrer. Niemand würde auf die Idee kommen, jemanden der jämmerlich auf der Violine kratzt zum Studium am Mozarteum zuzulassen oder einen nur mühsam Bogen fahrenden Schifahrer in den nationalen Schikader aufzunehmen. Unzureichende Selektion vergeudet nicht nur Geld, sondern macht die unbewusst Ungeeigneten zumeist für ein Leben lang unglücklich. Überfüllte Studienfächer mit eklatantem Personalmangel und dadurch unvermeidbar schlechter Ausbildung helfen niemandem.

Dazu kommt erschwerend, daß junge Menschen - häufig nicht die talentiertesten - aus anderen EU-Ländern zuwandern, die auf Grund von Selektionskriterien in ihrer Heimat keinen Studienplatz bekommen haben, den EU-Gesetzen entsprechend aber unter den gleichen Bedingungen wie Österreicher zum Studium zugelassen werden müssen.

Von der völlig freien Studienwahl, wie sie dem sozialdemokratischen Bildungsideal entspricht, wird man sich wegen Nichtfinanzierbarkeit sehr bald verabschieden müssen [1].

Beispiele aus anderen Ländern zeigen, wie man erfolgreich nach Talenten in der Wissenschaft Ausschau halten kann:

In China werden Studenten vor der Zulassung zum Studium sehr selektiven Auswahltests unterzogen. Einer meiner früheren Mitarbeiter und Doktoranden ist ‚Full-Professor‘ für diskrete Mathematik an der Nankai University in Tien Tsin und führt an, dass er weder in Deutschland noch in den USA so gut ausgebildete Studenten hatte wie jetzt in China.

In Deutschland vergibt die Studienstiftung des deutschen Volkes Stipendien an besonders begabte Studenten. Diese wählt sie bereits in den Abiturklassen mit Hilfe der Lehrer und durch persönliche Interviews aus, läßt sie vom Beginn ihres Studiums an von erfahrenen Vertrauensdozenten betreuen und bildet sie in eigenen Sommerkursen weiter. Jährlich werden etwa 3000 Stipendiaten neu aufgenommen bei insgesamt 9500 Geförderten; Stipendiat der Studienstiftung zu sein wird in Deutschland als Auszeichnung für besondere Leistungen empfunden. Etwa 75% der Mittel der Studienstiftung, da sind 37,3 Millionen EUR kommen von der öffentlichen Hand.

Studiengänge, Studienphasen

Pragmatisch betrachtet müsste man in vielen Fächern die Ausbildung an die Berufsbilder und den Bedarf des Arbeitsmarktes heranführen. Zwei Beispiele sollen dies illustrieren:

i) Ein Magister der Pharmazie hat u.a. zwar gelernt chemische Synthesen durchzuführen, Pflanzenextrakte zu bereiten und Stoffgemische zu analysieren, aber kaum etwas über die wissenschaftlichen und kommerziellen Aspekte des aktuellen Arzneimittelforschungs und- Entwicklungsprozesses erfahren. Seine Ausbildung sollte daher dem Berufsbild des Apothekers entsprechen, für den es einen klar definierten Bedarf an Absolventen und damit an Studenten gibt. Der in Industrie und Hochschule benötigte Pharma-Forscher benötigt hingegen eine tiefer gehende, fächerübergreifende Ausbildung in naturwissenschaftlichen und medizinischen Disziplinen. Diesem unterschiedlichen Bedarf Rechnung tragend werden an einigen Hochschulen in Deutschland, Schweiz und England bereits zwei verschiedene Ausbildungsgänge - „Pharmazie“ und „Pharmazeutische Wissenschaften“ - angeboten.

ii) Dem interdisziplinären Charakter moderner Forschung entsprechend erfolgt weltweit eine Zusammenführung der naturwissenschaftlichen Kernfächer Physik, Chemie und Biologie einschließlich der Mathematik; beispielsweise haben Universitäten Großbritanniens chemische Departments in Departments für Chemie und Biologie oder für Materialwissenschaften umgewandelt. Entgegen diesem Trend wurde an Österreichs Universitäten bei chemischen und biologischen Fächern die Ausbildung in Mathematik und Physik reduziert. Man hat bei der Reorganisation der Studien nach dem Bologna-Prozess auch die Chance verpaßt, ein Studium zum gemeinsamen ‚Bachelor of Science‘ einzuführen und erst während des Masterstudiums in die einzelnen Naturwissenschaftlichen Fächer aufzuspalten.

Diese und viele andere Maßnahmen könnten die Ausbildung verbessern bei Kostenneutralität oder sogar Kostenersparnis. Ein Gebot der Stunde wäre auch ein konstruktives Zusammenspiel von Fachhochschulen und Universitäten, um allen wirklich Talentierten eine optimale Ausbildung und Entfaltungsmöglichkeit zu bieten und gleichzeitig den gesellschaftlichen Bedarf voll abzudecken.

Zum Unterschied von Studieneingangs und Studienphasen hat sich bei uns die Betreuung der Diplomanden und Doktoranden im letzten Jahrzehnt entscheidend verbessert. So vergibt die Österreichische Akademie der Wissenschaften Stipendien an Doktoranden
mit Finanzierung von Auslandsaufenthalten um dort für die Doktorarbeit essentielle Arbeiten durchzuführen und Techniken zu erlernen. In vielen wurden Fächern Doktorandenkollegs eingerichtet, die eine volle Betreuung während der Dissertation sicherstellen. Ein weiterer wichtiger - aber erst in wenigen Fächern praktizierter - Schritt in Richtung internationaler Standards, ist die zwingende Einführung eines fachspezifischen, internationalen Stellenausschreibungs- und Auswahlverfahrens für alle Doktoranden durch ein Kollegium international anerkannter Professoren.

Beginn der wissenschaftlichen Karriere

Auch für die PostDoc-Phase gibt es bei uns einschlägige Programme: Das Erwin Schrödinger- und das Max Kade-Stipendium für Auslandsaufenthalte mit der Erwartung, dass die Stipendiaten wieder zurückkehren, sowie die APART-Stipendien der ÖAW, welche die Zeit von der Promotion bis zu einer Habilitation überbrücken sollen. In die Karrieremöglichkeiten bereits etablierter junger Forscher muß Österreich noch viel investieren, wobei die vollständige wissenschaftliche Unabhängigkeit der Geförderten durch eigenes Budget und eigenes Personal anzustreben ist. Nachwuchsgruppenleiter dürfen nicht einem Professor oder ‚Senior-Researcher‘ unterstellt sein. Die Start-Preise des Fonds zur Förderung der Wissenschaftlichen Forschung (FWF) sind zwar vorbildlich in Hinblick auf die kompetitive Vergabe und die garantierte Unabhängigkeit der jungen Forscher aber zahlenmäßig viel zu wenige, wobei manche Wissensgebiete völlig herausfallen, obwohl es hier international erstrangige junge Leute gibt.

Der österreichische Startpreis entspricht der Förderungsprofessur des Schweizerischen Nationalfonds und die Erfolgsquoten für eingereichte Anträge sind mit 15–16 % nahezu gleich. In der ähnlich großen Schweiz werden aber fünfmal so viele Anträge eingereicht und damit (mehr als) fünfmal so viele Nachwuchsstellen vergeben als in Österreich. Deutschland hat mehrere Förderprogramme, welche von der DFG (Emmy Noether-Programm, Heisenberg-Professuren), von der Max Planck-Gesellschaft (Nachwuchsgruppenleiterstellen) und privaten Institutionen vergeben werden. Nahezu alle diese Programme und ebenso die Starting Grants des European Research Council (ERC) sind überaus erfolgreich etabliert. Ein sehr hoher Prozentsatz der Ausgezeichneten beginnt nach Auslaufen der Nachwuchsstellen eine erfolgreiche Karriere als Spitzenwissenschaftler.

Leider verzeichnet Österreich eine besonders hohe Abwanderung exzellenter Nachwuchsforscher in Länder, welche eine bessere Perspektive bieten. Maßgeblich, wenn auch nicht ausschließlich für diese prekäre Situation verantwortlich, ist das Fehlen einer transparenten, durchgängigen und dennoch höchst selektiven Karrierestruktur mit dem international üblichen Tenure Track. Die Problematik des Brain Drains aus Österreich wird dadurch verstärkt, dass die Kompensation in Form eines Brain Gains aus dem Ausland viel zu schwach ist, die wissenschaftliche Attraktivität Österreichs zu gering. Dies beginnt mit dem Fehlen geeigneter Programme für Gastprofessoren der internationalen Spitzengruppe – etwa in Form der Humboldt-Professuren in Deutschland – und reicht bis zu unattraktiven Angeboten bei Berufungen. Im letzteren Fall ist die Konsequenz, dass von wenigen Ausnahmen abgesehen nur schwächere Wissenschaftler mit Erfolg aus dem Ausland nach Österreich angeworben werden. Es sind aber nur die hochrangigen internationalen Wissenschaftler, die mit ihrer Expertise die Wissenschaft eines Landes bereichern.

Österreich – eine entwickelbare Forschungslandschaft

Der gegenwärtige Präsident der ÖAW, Helmut Denk, meinte 2010: „Österreich hat keine entwickelte aber eine entwickelbare Forschungslandschaft.“ Tatsächlich sind die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Exzellenzstrategie in unserem Land gegeben, zur Umsetzung fehlen aber kompromissloses Bemühen und konsequentes Durchhalten. Wenn es die gesetzliche Lage den Universitäten auch ermöglicht sich schrittweise in forschungsintensive Spitzeneinrichtungen zu wandeln, so gibt es doch drei Barrieren, die sich mit entsprechendem Einsatz der Verantwortlichen in Politik und Universität beheben lassen:

  • aktueller Geldmangel,
  • die gesetzlich verordnete Durchführung von Massenausbildung in von Studierenden ‚überrannten‘ Fächern und
  • Berufungsgremien, die an echter wissenschaftlicher Qualität desinteressiert sind.

Bezogen auf naturwissenschaftliche, technische oder medizinische Fachrichtungen benötigt Forschung heute zweierlei: genügend finanzielle Mittel, um den Gerätepark für Forschung und Lehre auf dem weltweit modernsten Stand bringen und halten zu können, und die Berufung von Spitzenforschern auf vakante Stellen. Mittelmäßige Forschung bringt keine Innovationen, sie kostet nur Geld für sogenannte ‚Me too‘-Projekte. Der Schaden, der durch eine Nichtbesetzung einer Professorenstelle entsteht, ist viel geringer als jener, der durch eine Fehlbesetzung verursacht wird. Vor allem im mathematisch-naturwissenschaftlichen und technischen Bereich ist das Verhältnis von Lernenden zu Lehrenden so günstig, dass eine richtig durchgeführte Reduktion des Lehrkörpers bei gleichzeitiger Steigerung der wissenschaftlichen Leistung keine Verschlechterung der Ausbildung nach sich zu ziehen bräuchte. (Eine solche ‚Redimensionierung‘ wäre aber wegen der dienstrechtlichen Situation der Mitarbeiter in der Übergangsphase mit einigen zusätzlichen Kosten verbunden.)

Vor mehr als einem Jahrzehnt wurde der Pfad einer Exzellenzstrategie in der Grundlagenforschung begonnen. Um diesen erfolgreich weiter gehen zu können, müssen Schwachstellen in der österreichischen Wissenschaft beseitigt werden durch:

  • Ausreichende Förderung akademischer Forschung durch direkte oder indirekte Mittel zur Umgestaltung der Wissenschaftslandschaft,
  • Rekrutierung von Spitzenkräften als Leiter wissenschaftlicher Einrichtungen und dies beinhaltet sowohl eine bessere, international konkurrenzfähige Ausstattung der Forschungsstätten mit Arbeitsmitteln und Personal als auch mehr Exzellenzbewusstsein bei der Auswahl und
  • ein umfassendes und griffiges Programm zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses, um den ‚Brain Drain‘ umzukehren.

Emer. Univ. Prof. Dr. Peter Schuster, Jg. 1941, hat an der Universität Wien Chemie und Physik studiert, war langjähriger Ordinarius für Theoretische Chemie und Leiter des Computerzentrums in Wien, Gründungsdirektor des Instituts für Molekulare Biotechnologie in Jena,
Vizepräsident und Präsident der ÖAW, Mitglied höchstrangiger Akademien. Forschungsschwerpunkte: Theorie der: chemischen Bindung, Dynamik, molekularen Evolution, Struktur/Funktion von RNA und Proteinen, Netzwerke.


[1] H. Pechar. 2010. „30 Jahre Realitätsverweigerung sind genug.“ Der Standard. 24./25. Juli 2010, p.31. Der Artikel ist eine modifizierte Form des unter dem selben Titel im science-blog vom 8.9.2011 erschienenen Beitrags.

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